Ein paar persönliche Anmerkungen zum 13. August. Der Beitrag gibt nur die persönliche Meinung des Autors wieder.

Selten hat ein Grenzregiem so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie der Mauerbau durch und um Berlin (West). Grenzen und Grenzbefestigungsanlagen gibt und gab es genug, die bis heute gültige Waffenstillstandszone in Korea immer noch ein Beispiel, wie Politik ein Volk trennt.

Die Besonderheit war die Insellage der Stadt Berlin inmitten der DDR. Berlin hatte als Ergebnis des 2. Weltkrieges einen Viermächtestatus, der von den „vier Mächten“ peinlich genau eingehalten wurde ähnlich wie die drei Luftkorridore von Berlin (West) in die Bundesrepublik mit einer Höhe von mindestens 2.500 bis maximal 10.000 Fuß.
Noch bis 1990 fuhren die Fahrzeuge der Militärmissionen aller Vier Mächte täglich ihre Patrouillen durch West und Ost.

Ich war gut sieben Jahre alt, als ich den Mauerbau am 13. August mitbekam und wohnte im bürgerlichen West-Berlin. Tagelang geschah nichts, denn „zufällig“ waren alle westlichen Machthaber nebst der Bundesregierung auf Tauchstation. Danach entschied man sich offenbar, klare Zeichen auszusenden, allerdings genau bis zur Grenze der Westsektoren. Jubel kam auf, als Panzer der amerikanischen Garnison mit hohem Tempo bis an die Sektorengrenze fuhren, um martialisch kurz vor der weißen Linie eine Vollbremsung hinzulegen.

Ich Steppke war so neugierig, dass ich mich allein zum Übergang Koch/Friedrichstraße aufgemacht habe (die U-Bahn fuhr ja noch), um die Panzer und deren farbigen Besatzungen zu bestaunen. Allerdings habe ich mich sehr geärgert, dass sich die Schaufeln tief in den Straßenalphalt eingegraben haben, um gegen einen Rückstoß bestehen zu können. Die Situation war insgesamt sehr beängstigend.

Ich bin dann in einer Krisenstadt aufgewachsen, die weiterhin ständig im Mittelpunkt von irgendwelchen politischen Entwicklungen stand, immer war irgendwas. Die Blockade 1948 und Chruschtschow-Ultimatum 1958 und Kuba-Krise 1962 härteten ab und solche Affären waren mit den Jahren nichts Besonderes mehr.

Die sogenannten Transitfahrten von West-Berlin in die Bundesrepublik (und zurück) waren nicht nur wegen der kaputten Autobahnen oder der welligen F5 (B5) ein Graus. Stundenlang wartete man, bis das Auto von den Grenzern bei der Einreise und dann noch mal bei der Ausreise zerlegt wurde. Manchmal war man auch selbst mit einem Striptease dabei.
Die erste Reiseetappe endete dann nicht selten hinter Helmstedt, Rudolphstein oder Forst wegen Übermüdung. Und wenn irgendein „besonderer“ Tag war, Sitzung eines Bundestagsausschusses in Berlin, 17. Juni oder dergleichen konnte die Transitreise einen ganzen Tag dauern.
Viele Berliner flogen daher von Tempelhof und machten sich mit der Bahn auf die weitere Reise. Die sogenannten Interzonenzüge waren übrigens auch nicht viel besser.

Um die steigenden Zahl der Fluggäste beherrschbar zu machen und auch bei Schlechtwetter fliegen zu können (Tempelhof war nur in einer Richtung CAT- I, von CAT-III ganz zu schweigen) wurde Tegel geplant und gebaut.
Die Fertigstellung von Tegel fiel in die Zeit des Transitabkommens, das eine spürbare Verbesserung im Verkehr mit sich brachte. Der neue Airport wurde dann erst einmal nur für Ferienflieger gegen Tegel Nord eingetauscht, da er im französischen Sektor lag und die Amerikaner etwas eifersüchtig waren, ihr Tempelhof zu dezimieren. Als sich die Jets durchsetzen, zogen die Airlines mehrheitlich um und Tempelhof verlor an Bedeutung. Dort war viele Jahre nur der Militärverkehr, einige Kleinstunternehmen und hin und wieder eine entführte polnische LOT („Landet Oft in Tempelhof“) zu Gast.

Das Transitabkommen von 1972 brachte auch große Grenzabfertigungsanlagen mit sich. Ich kann mich sehr gut an den Schrecken erinnern, als man das erste Mal den neuen Übergang befuhr: „Das ist hier für die Ewigkeit gebaut worden“.
Andererseits war alles auf 18 Spuren so perfektioniert worden, dass eine Flucht von Ost nach West annähernd unmöglich geworden war. Später erfuhr man, dass die Autos durchleuchtet wurden und die Insassen ebenfalls. Der Dosimeter hätte vermutlich angeschlagen.

Politisch entwickelte sich die Inselstadt West-Berlin zu einem subventionierten Kleinstaat, immer wieder von Abstechern eines Staatsbesuchs beglückt und Militärparaden der Alliierten. Außerdem war die Stadt sehr beliebt bei Studenten, die sich so legal der Wehrpflicht entziehen konnten – ausgeliefert wurde nur ganz drastischen Fällen.
Das machte die Stadt immer lebendig, die Studentenbewegung nahm hier ihren Anfang und der politische Umbruch in der ganzen Bundesrepublik.

Die Mauer wurde immer als unmenschlich und schlichtweg störend empfunden, aber die Berliner gewöhnten sich daran. Im täglichen Leben spielte sie nur noch bei den unterbrochenen Verkehrswegen eine Rolle.
Da die DDR-Einwohner ständig eingetrichtert bekamen, dass ein Atomkrieg unmittelbar bevorstand, wurde der weiße Fleck auf den retuschierten Landkarten als ärgerlich hinsichtlich der Verkehrswege, aber unvermeidlich für den Einhalt des Friedens angesehen.

Die Systemblöcke waren derartig zementiert, dass viele Jahre niemand mit einer Annährung rechnete. Für die einen war die Grenze die „Schadmauer“, für die anderen der „antifaschistische Schutzwall“. Irgendwie dazwischen liegt wohl die Wahrheit. Dass eine gewisse Stabilität der politischen Lage in Europa entstanden war, ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, die Anzahl der vielen Maueropfer allerdings auch nicht.
Dennoch blieb die Lage menschlich betrachtet pervers und an Berlin konnte man sehr schön beobachten, wie zynisch Politik und die Umsetzung derselben ist.

Der sogenannte Ostblock entwickelte sich allerdings wirtschaftlich negativ, mit Sicherheit durch das Wettrüsten und die vielen Scharmützel und Kriegen in den außereuropäischen Regionen beeinflusst.

Als beruflicher Grenzgänger konnte ich eigentlich sehr gut erkennen, dass der Niedergang nach einem letzten Hoffnungsschimmer in den achtziger Jahren deutlich erkennbar wurde und man fragte sich immer häufiger, wie die Leute „im Osten“ das alles so aushalten.

Der Mauerfall 1989 hat niemand voraussehen können, allenfalls große Veränderungen in den Systemen. Die Angst war allgegenwärtig, ob das alles friedlich verlaufen wird.

Fast 27 Jahre später sind die damaligen Trennungslinien überwunden, um letztlich neue entstehen zu lassen. Diese sind vordringlich durch die Not der Menschen gekennzeichnet, die sich in der Flüchtlingsströmen darstellt. Die Antwort scheint heute die gleiche wie 1961 zu sein: Stacheldraht und bewaffnete Grenzer. Dazugelernt hat man anscheinend wenig.

 

1 Kommentar zu “55 Jahre Mauerbau

  1. ZITAT. „Für die einen war die Grenze die „Schandmauer“, für die anderen der „antifaschistische Schutzwall“. Irgendwie dazwischen liegt wohl die Wahrheit. Dass eine gewisse Stabilität der politischen Lage in Europa entstanden war, ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen,,,,“

    Dazwischen liegt was? Die Wahrheit? Also ein wenig „faschistisch“ war die Bundesrepublik, wovor die DDR sich zu schützen hatte? Wieder was dazu gelernt.
    Sobald der Text politisch wird ist historische Oberflächlichkeit eingekehrt. Natürlich kann alles relativiert werden, nur die „Wahrheit“ bleibt dann auf der Strecke.
    Zementierung wäre angebracht, ein anderes Wort für eine „gewisse Stabilität“, ansonsten riecht diese „gewisse…“ nach nachträglicher Legitimierung des Mauerbaus.
    Zum Schluß noch eine Verbindug zu der aktuellen Flüchtlingskrise herzustellen ist ja Trend, aber sachlich falsch.

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