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Gedanken zum ersten Mai

Foto: @maxlarochelle

Geschichte

Der 1. Mai hat als Kampftag der Arbeiterbewegung eine sehr lange Tradition. Er geht auf die Ereignisse von 1886 auf dem Chicagoer Haymarket zurück und ist in vielen Ländern heute ein gesetzlicher Feiertag [1]. Die alljährlich stattfindenden Maikundgebungen dienten in den Zeiten des Kalten Krieges den Machthabern des Ostblockes als Demonstration der „Überlegenheit des Sozialismus“. Vorher hatten die deutschen Nazis den ersten Maitag für sich als „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“ instrumentalisiert, nachdem sie bereits im März 1933 alle Gewerkschaften „auf Linie“ gebracht hatten. Im Kern war und ist der 1. Mai dennoch der Tag der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterbewegung, obwohl auch heutige Diktaturen versuchen, ihn für sich zu vereinnahmen.

Rolle der Gewerkschaften

Die Frage, welche Rolle Gewerkschaften in der aktuellen, hochtechnisierten Industriegesellschaft spielen, muss umso mehr gestellt werden, je weiter die Digitalisierung mit ihren z. T. disruptiven Effekten auf einige Sektoren der Arbeitswelt voranschreitet. Dass die Gewerkschaften sich insgesamt schwertun, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, lässt sich an deren sinkenden Mitgliederzahlen ablesen. 1991 lagen sie in Deutschland bei 11,8 Millionen, auch bedingt durch den sprunghaften Anstieg infolge der deutschen Wiedervereinigung. Momentan sind wir bei knapp 6 Millionen angelangt[2]. Immerhin ist damit der Tiefpunkt von knapp über 4 Millionen aus dem Jahre 2011 überwunden[3]. Ob damit seither tatsächlich eine Kehrtwende vollzogen wurde, hängt von der weiteren gesellschaftlichen Positionierung der unter dem Dach des DGB vereinigten einzelnen Organisationen ab. Das aktuelle Beispiel des Opel-Werkes im thüringischen Eisenach zeigt, dass die Zeiten des Appeasements und der Deals mit Konzernführungen offenbar vorbei sind. Die IG Metall pocht hier schlicht und ergreifend und völlig zu Recht auf die Einhaltung der mit dem französischen Autobauer PSA geschlossenen Verträge[4]. Die Forderungen der Gewerkschaften an die Unternehmen bzw. die öffentliche Hand fallen in letzter Zeit wieder positiv durch einen Mangel an Bescheidenheit auf. Angesichts der öffentlich nur allzu selten verkündeten Tatsache der Stagnation der Reallöhne für die meisten regulär Beschäftigten im Zeitraum von 1991 bis 2013[5], durfte Lohnzurückhaltung allerdings auch nicht länger Mittel der Wahl für die Gewerkschaften in ihrer politischen Einflussnahme sein.

Möglicherweise ist es tatsächlich ein Verdienst der Gewerkschaften, dass wir seit 2013 wieder einen spürbaren Anstieg der Reallöhne verzeichnen können[6].

Interessenvertretung und ihre Lücken

Wessen Interessen genau vertreten aber die Gewerkschaften? Der Aufruf des DGB zum 1. Mai 2018[7] liest sich wirklich gut. Die reale Wirkung der operativen Arbeit der „Arbeitnehmervertretungen“ beschränkt sich allerdings häufig auf Unternehmen, in denen die Arbeitnehmer als Mitglieder dieser Vertretungen direkt organisiert sind. Alle anderen, wie Arbeitslose, Arbeiter und Angestellte kleiner und mittlerer Firmen, Selbständige, die ihre Selbstausbeutung z. T. bis zur totalen körperlichen und mentalen Erschöpfung praktizieren, für einen Lohn, der nicht besser ist als der von Minijobbern, die von einem zum nächsten Auftraggeber rennen – all diese Menschen genießen gewerkschaftliche Fürsorge mehr in wohlfeilen Worten als in Taten. Illegal zu unwürdigen Bedingungen unter Meidung des Mindestlohns Beschäftigte fallen komplett durch den Rost. Es wäre wiederum ungerecht, diese Situation allein den Gewerkschaften anzulasten; abgesehen von den Arbeitslosen bleibt den genannten Personengruppen gar keine Zeit, sich in Gewerkschaften oder sonst irgendwo politisch zu engagieren. Um Missstände zu beseitigen, brauchen aber gerade die Menschen eine Lobby, die keine haben.

Arbeitswelt im Wandel

Unbestritten ist, dass die Digitalisierung massive und außerdem zunehmende Auswirkungen auf die Arbeitswelt hat. Sie wird unter anderem zum Niedergang oder zur massiven Schrumpfung ganzer Branchen führen, die aufgrund ihres „digitalen Ersatzes“ einfach nicht mehr gebraucht werden.

Spätestens wenn sich die Erkenntnis allgemein durchgesetzt hat, dass das intelligent organisierte Teilen individuell nutzbarer Fahrzeuge sinnvoller ist, als der Besitz eines eigenen Autos, bekommt die Autoindustrie massive Probleme – um nur ein Beispiel zu nennen. Im „digitalisierten Individualverkehr“ werden schlicht sehr viel weniger Fahrzeuge gebraucht.

Auch bei anderen Aspekten des digitalen Wandels zeigen sowohl Gewerkschaften als auch die sogenannten etablierten Parteien offene Flanken. Auf moderne Arbeitsformen und völlig neue Spannungsfelder, wie etwa die ständige Erreichbarkeit von Arbeitnehmern auch in deren Freizeit im Bereich des Teleworkings, haben sie keine oder nur unzureichende Antworten. Alle Mitspieler, inklusive der Betroffenen selbst, geben sich merkwürdig überrascht von der rasanten Entwicklung, die gleichsam für einen erheblichen Teil der Beschäftigten bereits gelebte, und mitunter bittere, Realität geworden ist. Bei der politischen Begleitung der Digitalisierung braucht es mehr Steuerung und aktives Handeln statt nur Reaktionen auf die Entwicklungen, deren Takt die Wirtschaft vorgibt.

Andererseits sind die Unkenrufe, die uns das fast komplette Verschwinden der menschlichen Arbeit an sich mit allen katastrophalen Folgen weissagen … nur Unkenrufe – denn es gibt viel zu tun.

Durch qualitativ bessere Ausbildung, die nebenbei gesagt selbst viele neue Jobs schaffen würde, können wir sehr wohl die Arbeitsplätze der Zukunft schaffen, die die Digitalisierung sogar vorantreiben, weil sie ungeahnte Möglichkeiten bietet, unser aller Leben nachhaltig zu verbessern.

Schon allein die gewaltige Aufgabe, unser aller Energieproblem zu lösen! Warum investieren wir nicht mehr Geist und Arbeitskraft in die Energiewende, die dezentrale Energieversorgung für die Zeit nach dem Ende der fossilen Rohstoffe? Wir können Krankheiten effektiver bekämpfen. Warum fangen wir nicht endlich an, echte medizinische Forschung zu betreiben?

Es gibt so viel zu tun – wir müssen „nur“ ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem der unbedingte Wille, durch wirtschaftliche Tätigkeit unter allen möglichen Umständen maximalen Gewinn zu erzielen, sehr viel kritischer betrachtet wird. Eine Chancengesellschaft, in der kreative Ideen auch Raum zur Entfaltung finden.

Gerade in strukturschwachen Regionen, die von der klassischen Industrie längst aufgegeben wurden, bietet die Digitalisierung völlig neue Chancen. Auch in der Familienpolitik und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden sich ganz neue Optionen ergeben – die aber auch Spielregeln und Leitplanken brauchen, die nur die Politik gemeinsam mit den Interessenvertretungen gewährleisten kann – sofern es für Gruppen wie digitale Nomaden oder vollkommen neugeschaffene Berufsfelder überhaupt Vertretungen gibt.

Der Wandel am Arbeitsmarkt wird kommen, und er wird uns schon in naher Zukunft beschäftigen. Es werden sich dadurch völlig neue Chancen ergeben – wir sollten dieses Thema positiv annehmen, ohne auf der politischen Ebene das Steuer aus der Hand zu geben. Zwar stecken wir in einigen Bereichen schon mitten in dieser Veränderung, doch auf die Gesamtstrecke betrachtet, stehen wir noch am Anfang. Jetzt heißt es, den Kurs bewusst und verantwortungsvoll zu setzen und sich aufs Neuland zu freuen, statt es als Damoklesschwert zu sehen, das über uns schwebt.Damit das auch für Alle möglich und glaubwürdig ist, müssen wir zunächst die prekären Arbeitsverhältnisse zurückdrängen und schließlich ganz abschaffen – und das möglichst schnell. Der Nutzen der Digitalisierung darf nicht nur in Form von Gewinnmaximierung bei den Arbeitgebern ankommen.Alles andere ist in der gegenwärtigen, zunehmend aufgeheizten Situation demokratiegefährdend.

Der Mai ganz unpolitisch

„Alles Neu macht der Mai“, und ein Wonnemonat soll er außerdem sein. Deshalb – Augen auf! Natur beobachten, trübe Gedanken verscheuchen, vielleicht sogar das eine oder andere Kriegsbeil begraben, einfach das Schöne entdecken! All das gehört neben der Politik auch zum Mai. Probiert’s einfach mal aus.


Quellen:

[1] Kurzbeschreibung: https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Mai#cite_note-welt-115756481-1

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Gewerkschaftsbund#Mitgliederzahlen

[3] http://www.dgb.de/uber-uns/dgb-heute/mitgliederzahlen/2010/?tab=tab_0_10#tabnav

[4] https://www.mdr.de/thueringen/west-thueringen/eisenach/opel-eisenach-betriebsversammlung-100.html

[5] http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61766/lohnentwicklung

[6] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/152761/umfrage/entwicklung-der-loehne-in-deutschland/

[7] http://www.dgb.de/erstermai2018

 

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